Geschichte

Findorff-Kirche

Unsere Paulus Kirche ist eine sogenannte „Findorff-Kirche“ und wurde vom königlichen hannoverschen Moorkommissar Jürgen-Christian Findorff gebaut. Jürgen-Christian Findorff lebte von 1720 – 1792 und war von König Georg III von Hannover beauftragt worden, das Moor zu kolonisieren, also urbar zu machen, damit sich hier Menschen ansiedeln konnten. 50 Dörfer gründete Findorff, der „Vater aller Moorbauern“. Die Mooranbauern, wie man die ersten Siedler nannte, hatten einen sehr schweren Start. Sie lebten vom Torfverkauf. Der Torf, den sie stachen, wurde mit Torfkähnen über Kanäle und Flüsse nach Bremen geschippert und dort verkauft. Aber auch nach Bremervörde ging die Reise, wo der Torf in die größeren Ewer umgeladen wurde für den Weitertransport Richtung Elbe. 

Sie kennen sicher alle den Spruch: Den Ersten de Dod, den Tweeten de Nod, den Dritten dat Brod. 

Einweihung 1790

Wenn wir in die Vergangenheit zurückschauen, dann müssen wir uns auch die Frage stellen, wie es um die Frömmigkeit unserer Vorfahren bestellt war. Die Menschen im Moor fristeten ein karges Dasein. Ihr unerschütterliches Gottvertrauen half Ihnen bei ihrem Überlebenskampf. Sie brauchten dazu ihre Kirche, die sie dann auch bekamen. 

Der Grundstein wurde im Jahre 1784 gelegt. Nach einer Bauzeit von 6 Jahren waren die Kirche (noch ohne den Turm), das Pfarrhaus und das Küsterhaus fertiggestellt. Der Kirchenneubau wurde am 28. September 1790 feierlich eingeweiht. Bei dieser Gelegenheit wandte sich der Superintendant Pratje Findorff zu und sagte: 

„Die Angelegenheit dieses Baues wurde einem Mann übertragen, zu dessen wohlverdientem Ruhm ich alles sagen könnte und würde, wenn ich nicht befürchten müsste, dass ich seine seltene Mäßigkeit und Bescheidenheit beleidigen möchte“.

Findorff hatte nämlich mit Blick auf seine Leistungen als Königl. Hannoverscher Moorkommissar gesagt: 

„Wenn ich etwas verdient habe, wird es mir ungesucht schon werden“. 

Durchschnittlich 300 Besucher am Sonntag

Der Grundriss ist ein 30 Meter langes und 14 m breites Achteck. An der Ostseite befinden sich der Altar, die Kanzel und die Sakristei. Gegenüber zur Westseite befinden sich die Orgel und der Kirchturm. Es ist eine Rundkirche, auch Hallen- oder Saalkirche genannt. Findorff hat 3 Stück davon gebaut. Die erste in Worpswede, die zweite in Grasberg und die dritte hier bei uns in Gnarrenburg. Die Kirche bot damals 1.000 - 1.200 Menschen Platz und war für die damaligen Verhältnisse eigentlich viel zu groß. Aber Jürgen-Christian Findorff war ein sehr frommer Mann, er hoffte, dass mindestens 2-3 Leute aus jedem Haus jeden Sonntag zur Kirche gingen. Die Chronik berichtet, dass durchschnittlich 300 Gottesdienstbesucher sich auf den Weg zur Kirche nach Gnarrenburg machten. An hohen Festtagen sogar 1.500 bis 2.000 Menschen. 

Sie kamen zu Fuß natürlich und in Holzschuhen (plattdeutsch: „Holschen“). Und wenn es einmal ganz nass war, kamen sie sogar in Stiefelholzschuhen (plattdeutsch: „Steebelholschen“). 

1. Pastor Johann-Hinrich Kuhlmann

Im Herbst konnten viele Moorbauern die Kirche nicht besuchen, weil sie ihre Torfkähne am Sonntag beladen mussten, um den Torf am Montagmorgen mit gutem Gewinn in Bremen oder Bremervörde verkaufen zu können. Mit dem Gottesdienst verbanden die Leute aus dem Moor auch ihre Besorgungen. Deshalb hatten die Läden auch am Sonntagvormittag geöffnet und es herrschte nach dem Gottesdienst in den Geschäften ein emsiger Betrieb. Der Pastor berichtet demnach auch nur von einem „befriedigenden“ Gemeindegesang und davon, dass „jeder kommt und geht, wie es ihm gefällt“. Die Fortgehenden verließen die Kirche mit „großem Lärm“. Welch Wunder, mit Holzschuhen an den Füßen auf dem Steinfußboden. 

Nach einigen baulichen Veränderungen haben heute immerhin noch gut 800 Gemeindglieder Platz in unserer Kirche. Sie ist damit immer noch zu groß bei der immer mehr schwindenden Zahl von Gottesdienstbesuchern. Heute ist die Kirche leider nur an Weihnachten oder zu besonderen Anlässen gut besucht. 

Der 1. Pastor hieß Johann-Hinrich Kuhlmann, er war für seine Volkstümlichkeit bekannt. Einige Geschichten sind überliefert, es darf geschmunzelt werden: 

Ein Reisender kommt am Sonntagnachmittag nach Gnarrenburg und kehrt in ein Gasthaus ein. Dort herrscht großer Lärm, Tanz und Gesang und man genießt die Droge der damaligen Zeit: Den Branntwein! Er fragt den Wirt, was das denn für Leute wären, die so früh am Nachmittag feierten. Die Antwort kam prompt: Das sind die Beichtleute, die heutemorgen bei Kuhlemann zum Abendmahl in der Kirche waren.

Gloria in Desertis Deo

Pastor Kuhlemann besaß auch ein Pferd, auf dem er auch des Öfteren nach Bremervörde ritt. Dabei kam er eines Tages an dem als spottlustig bekannten Postverwalter Winkelmann vorbei, der ihm zurief: „Sagen Sie mal Herr Pastor, kam nicht unser Herr Jesus auf einem Esel daher? Sie aber reiten hoch zu Ross auf einem Pferd? Worauf Pastor Kuhlemann schlagfertig antwortete: „Ich wollte ja einen Esel kaufen, es war aber keiner mehr zu kriegen. Die Esel hat der Herr alle zu Postverwaltern gemacht“.

Die Kirche selbst ließ Findorff auf dem höchsten Punkt, einem Geestrücken, bauen. Pastor Dieckmann berichtet in der Chronik davon, dass man von diesem Punkt und später vom Turm aus noch besser, weit über das in der Kolonisation befindliche Moor blicken konnte und das grünblaue Fachwerk und die roten Klinker der Häuser einem entgegenleuchtete.

Findorff ließ über der Eingangstür den Spruch einmeißeln: „Gloria in Desertis Deo“, was soviel heißt wie: „Ehre sei Gott auch in der Wüste, oder der Einöde“. Ehre sei Gott auch dort, wo kein Mensch auf die Idee kommen würde, dass es hier etwas zu loben gäbe: In der wilden Wüste, dem kalten, nassen, unfruchtbaren und lebensfeindlichem „Gnarrenburger Moor“. 

Nur in den Gängen und vor dem Altar waren rote Steine gepflastert unter den Bänken war nur Sand. Die Wände und die Decke waren nur mit Kalk geweißt, Altar und Kanzel mit Farbe gestrichen. Einen Turm hatte die Kirche damals sofort noch nicht, weil dazu das Geld fehlte. 

An Stelle des Turms hatte die Kirche einen Vorbau, der wegen Baumängel 1820 abgerissen werden musste. Aber 5 Jahre später drückte das Dach die Wand an der Straßenseite nach außen, 1929 zeigten sich große Risse in der Wand. Die Altar-Seite blieb gut stehen, weil dort die Sakristei angebaut war. Es wurden dann zwei große Strebefeiler angebaut, um die Kirchenmauer zu schützen. Die Kirche erhielt dadurch jedoch ein unschönes Aussehen und der Schaden war im Grunde immer noch nicht behoben. Als Nächstes wurde über dem Kirchen-Himmel ein sehr großer Träger-Balken gelegt, um den Schiebedruck der Dachsparren zu den Seitenwänden aufzufangen. All diese Maßnahmen brachten jedoch nicht den gewünschten Erfolg, die Risse in der Seitenwand wurden immer größer. 

So entschloss man sich endlich 1866, einen Turm zu bauen an der Stelle, wo sich der Vorbau befunden hatte. Am 10. August 1868 wurde der Grundstein für den Turm gelegt. In der mit eingemauerten Urkunde heißt nach Kolosser 3: „Trachtet nach dem was droben ist und nicht nach dem, was auf Erden ist“. Auch der Eingangstür finden wir diese Inschrift. Die Einweihung war am 8. Mai 1870. Der Turm ist 40 Meter hoch und sollte ein Wegweiser, ein ausgestreckter Finger in den Himmel sein. 

Nicht einmal einen Ofen hatte die Kirche zu Anfang. Die ersten Öfen sind erst zur 100-Jahrfeier angeschafft worden, 2 große, runde Öfen rechts und links vom Altar. Bis dahin gab es zur Beleuchtung auch nur Kerzenlicht. Erst 1898, also nach der 100-Jahrfeier wurde eine Gasstoff-Glühlicht Beleuchtung eingebaut. Die Kirche hatte damals 1.000 Mark als Spende erhalten, eine für die damaligen Verhältnisse sehr große Summe. Nun wurde alles neu gestrichen und vermalt, auch die Bänke erhielten ihren ersten Farbanstrich und die ganze Kirche wurde mit Rotsteinen ausgelegt. Auch die beiden Bilder rechts und links vom Altar sind aus dieser Zeit. Maler und Spender sind jedoch unbekannt. 

Nach dem 1. Weltkrieg kam auch nach Gnarrenburg das elektrische Licht und in der Kirche wurde es hell. 1924 waren die Öfen kaputt, sie wurde durch eine Niederdruck Dampfheizung ersetzt. Die Öfen hatten auch mal geräuchert und die Kirche war dunkel und verqualmt. 1924/25 wurde sie neu gestrichen und über dem Gesims ein Ornamentenband aufgemalt. 

In der dann folgenden NS-Zeit wurde wenig an der Kirche getan. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Dach notdürftig repariert. Mit der notwendigen Innenrenovierung konnte wegen Geldmangel erst 1958 begonnen werden. Es wurde eine richtig große Sanierung. Die ganze Kirchendecke musste neu gemacht und neu vergipst werden, weil der Draht im Rohrgeflecht abgerostet war. Hierbei ist auch das aufgemalte schöne Ornamentenband mit draufgegangen. Die 1924 eingebaute Dampfheizung wurde durch eine Warmluftheizung ersetzt. Auch wurden Gänge und Altarraum mit Bodenfliesen ausgelegt, die auch heute noch drin sind. Es wurden neue Bänke angeschafft und der gesamte Farbanstrich erneuert. Das Dach der Kirche wurde neu eingedeckt und der Turm mit neuen Schieferplatten versehen. 

Die beiden Bilder waren nicht mehr schön und der Rahmen von den Würmern zerfressen. Sie wurden entfernt und einfach auf den Boden gebracht. Die alten Kronleuchter verschwanden ebenfalls, sie wurden durch einfache, geschmacklose Lampen ersetzt. 

Danach wurde an der Kirche selbst nicht mehr viel gemacht, investiert wurde jedoch trotzdem. So wurde 1962 das 2. Pfarrhaus, das heutige Freizeit- und Begegnungszentrum „Oase“, gebaut. Das „Martin Luther“ Gemeindehaus entstand 1969/70, es wurde 1995 noch einmal erheblich erweitert und ist Treffpunkt und Begegnungsstätte zugleich. 

Die Kirchdecke wurde 1972 isoliert und die erste Lautsprecheranlage wurde 1973 eingebaut. Der Turm war am Ende des Krieges durch Beschuss stark beschädigt worden, jahrelang hatte es durchgeregnet. Die ganze Turmspitze war so baufällig, dass sie abgebaut und neu gemacht werden musste. In einer Aufsehen erregende Aktion wurde die Kirchturmspitze mit einem riesigen Kran abgenommen und wieder aufgesetzt.

Eine Glocke musste im 2. Weltkrieg abgeliefert werden zur Waffen- und Munitionsherstellung, aber schon 1957 wurde eine Neue angeschafft. Aber 1981 mussten beide Glocken aus- und wieder eingebaut werden, weil die Balken des Glockenstuhls in den Wänden verfault waren.

Erst seit 1983 trägt unsere Gnarrenburger Kirche einen Namen. Sie heißt „Paulus-Kirche“, nach dem Apostel Paulus, der das Evangelium nach Europa brachte. 

Wenige Jahre nach der Instandsetzung der Haupeingangstür 1985/86 stellte sich heraus, dass auch die Kirche schon wieder sanierungsbedürftig war. An allen Seiten über dem Gesims fing es an zu bröckeln. Zuerst wusste man gar nicht, woher das kam. Als aber das Dach unten an mehreren Stellen aufgemacht und gesichtet wurde, wurde das Übel sichtbar: Die kleinen Stichbalken von 1,20 Meter Länge, die auf der Außenwand aufliegen und wo von draußen die Sparren vom Dach und von innen die Sparren vom Kirchenhimmel draufstehen, waren alle faul und morsch. Hinter der Orgel war das Dach um 30 cm abgesackt und lag schon auf dem Orgelpodest, weil dort die Sparrenenden abgefault waren. Vor 200 Jahren hat man eben noch nicht daran gedacht, dass, wo Holz auf Stein liegt, auch isoliert werden muss. Es war eine sehr schwere Reparatur. Das ganze Dach musste stückweise hydraulisch angehoben werden und neue Stichbalken, Fußfetten und Sparren wurden eingebaut. Die Zeit drängte, weil zur 200-Jahrfeier 1990 alles fertig sein sollte. 

Alle drei Außentüren wurden neu gemacht nach dem Muster der alten Türen. Innen wurde Decke und Gesims neu gemacht. Auch die 1960 eingebaute Warmluftheizung wurde durch eine neue Warmwasser Zentralheizung ersetzt. Sogar unter den Bänken wurde eine Fußheizung eingebaut. Nun brauchte niemand mehr in der Kirche zu frieren. Auch die ganze Elektrik musste erneuert werden, schließlich waren ja noch die ersten Leitungen von 1920 drin und die waren nicht mehr gut. Es gab überall neue Lampen und auch zwei neue Kronleuchter. Dass Innere der Orgel wurde ebenfalls erneuert und die gesamte Kirche wurde von innen neu gestrichen, auch Altar, Orgel und Sitzbänke. Selbst die 1958 auf den Dachboden verbannten, fast vergessenen Bilder wurden wieder hervorgeholt und zu einem Restaurateur gegeben, der die Bilder wieder schön fertig gemacht hat. Und so ist unsere Kirche, auch wenn sie sonst schlicht und einfach ist, wieder ein Stück lebendiger geworden. 

Die 200-Jahrfeier fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 28. September 1990 mit einem plattdeutschen Gottesdienst statt. Die Predigt hielt Superintendent Hans-Wilhelm Hastedt aus Bremervörde. 

Aus dem 2. Pfarrhaus ist mittlerweile die „Oase“ geworden. Ein Freizeit- und Begenungszentrum, das 2005 eingeweiht wurde und um das sich besonders unser Diakon Jochen Gessner verdient gemacht hat. 

www.augustendorf.net Hauptautor: Hinrich Meyer / Nebenautor Fritz Metscher