Kirchenbilder

In der Paulus-Kirche zu Gnarrenburg hängen drei großformatige Ölgemälde eines bislang unbekannten Künstlers. 1958 schon vom Holzwurm zerfressen auf den Dachboden der Kirche verbannt, wurden die Kunstgegenstände zur 200-Jahrfeier der Paulus-Kirche im Jahre 1990 wieder hervorgeholt und restauriert. Seitdem verschönern sie wieder unser Gotteshaus.

Dargestellt werden kirchliche Motive. Rechts vom Altar wird die „Kreuzesabnahme Jesu“ gezeigt, auf der anderen Seite „Noli me tangere“ (Berühre mich nicht!). Und weiter links hängt ein Weiteres, nämlich die „Mutter Gottes mit dem Johannesknaben“. Alle Fragen nach dem Künstler erbrachten bislang nur ein Schulterzucken oder sehr vage Hinweise. Unter freundlicher Mithilfe der Kirchengemeinde Hüttenbusch und ihres Pastors, Herrn Reiner Sievers, ist es gelungen, dieses Rätsel zu lösen. Die Gemälde stammen von Johann-Friedrich Schröder aus Hüttenbusch, genannt auch der „Müller-Maler“. Wer war dieser Mann: 

Obwohl Friedrich-Johann Schröder die elterliche Mühle übernehmen musste, ließ ihn die Malerei nie richtig los.

Vorbilder waren Rubens und Raffael

Weitgehend unbekannt ist die Geschichte des Hüttenbuscher Müllersohnes ( 15.04.1821 – 28.11.1904), der sowohl ein Müller als auch ein Maler war. Der Vater, Müllermeister und Bürgermeister Friedrich Schröder hatte sechs Kinder. Die erstgeborenen Söhne wollten nicht die Mühle in Hüttenbusch weiter betreiben. So blieb der Betrieb an dem dritten Sohn, Johann-Friedrich hängen, der jedoch auch andere Interessen hatte (die Malerei) und eigentlich das Erbe nicht antreten wollte. Er hatte sich um 1840 bei der Düsseldorfer Kunstakademie einschreiben lassen. Sein ganz früher Malstil ist einwandfrei „Düsseldorfer Schule“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei ließ sich Johann-Friedrich Schröder häufig von Vorlagen berühmter Vorbilder wie Peter-Paul Rubens und Raffael inspirieren. Dies machte er allerdings so geschickt, dass man seine Gemälde – obwohl sehr ähnlich – nicht als Kopie bezeichnen kann. Bei dem Bild „Noli me Tangere“ in der Gnarrenburger Kirche scheint es sich allerdings um eine Eigenkomposition zu handeln, denn dieses Bild ist in der Kunstwelt nirgendwo in dieser Form zu finden. 

Dem bekannten Worpsweder Maler Mackensen sagte er einmal: „Ich musste die Mühle meines Vaters übernehmen“. 1842 hatte ihn sein Vater vom Militärdienst freigekauft, weil er ihn für Mühle und Landwirtschaft ganz dringend brauchte. Am 23. Oktober 1858 heiratete Friedrich-Johann Schröder Meta Monsees aus Teufelsmoor, mit der er zwei Kinder hatte. 

Bilder ohne Signatur

Seine Produktivität war für einen „Hobby“- Maler ganz erstaunlich, seien es seine Kirchen- bzw. Heiligenbilder oder seine Landschaftsbilder. Aber auch seine vielen Porträts wurden mit äußerster Akkuratesse gemalt. Seine Bilder hängen auch heute noch in vielen Bauernhäusern, einige im Gasthaus Finken und im Worpsweder Gemeindesaal. Drei religiöse Gemälde kann man in der Kirche in Hüttenbusch bewundern und weitere drei Kunstwerke eben in der Paulus-Kirche zu Gnarrenburg. Viele Bilder wurden leider beim Brand des alten Schröderschen Bauernhauses 1952 vernichtet. Ebenso wurden zahlreiche Dokumente des Künstlers ein Raub der Flammen, sodass es schwierig ist, den Werdegang des Müller-Malers zu rekonstruieren. Es sind kaum noch Zeugnisse vorhanden. Er war jedoch ein Maler, der der hiesigen Region entstammt und malte, noch ehe mit Fritz Mackensen und seinen Freunden Maler nach Worpswede kamen und den Grundstein für die Künstlerkolonie legten. 

Obwohl Friedrich-Johann Schröder die elterliche Mühle übernehmen musste, ließ ihn die Malerei nie richtig los. Er verpachtete1872 die Mühle und studierte – im Alter von 51 Jahren – weitere 2 Jahre an der Kunstakademie in Weimar, um sein Düsseldorfer Studium fortzusetzen und abzurunden.

Religiöses und soziales Denken war beim „Müller-Maler“ hoch angesiedelt. Nachdem Hüttenbusch 1902 eine eigene Kirche bekommen hatte, jedoch noch ohne Turm und Orgel, spendete er 1903 zur Geldbeschaffung 24 Ölgemälde. Die Bilder wurden von dem Worpsweder Kunstmaler Hans am Ende ausgewählt und wurden in ihrem Gesamtwert auf (damals) 3.100 Mark taxiert. Gar sprichwörtlich war auch seine Bescheidenheit. So verzichtete er weitgehend darauf, seine Gemälde zu signieren und mit einem Datum zu versehen. Auch die Gnarrenburger Bilder zeigen keine Signatur. 

Der Maler Johann-Friedrich Schröder starb ein Jahr danach im Alter von 83 Jahren. Seine zahlreichen Ölgemälde erinnern jedoch auch heute noch an einen hochbegabten Künstler, der doch lieber Kunstmaler statt Müller geworden wäre. 

Ev.-luth. Kirchengemeinde Hüttenbusch, Pastor Reiner Sievers; Chronik der Gemeinde Hüttenbusch; Ausstellung Schröder und Schroeter von 1994 im Barkenhoff Worpswede; Kirchenarchiv der Paulus-Kirche zu Gnarrenburg

Kreuzesabnahme

Auf dem Bild zu sehen sind acht Menschen, die den toten Christus vorsichtig vom Kreuz abnehmen. Von oben nach unten sind dies zwei anonyme Helfer, dann Joseph von Arimathäa (links) und Nikodemus (rechts), darunter Maria, die einen Arm nach ihrem Sohn ausstreckt, der junge Johannes in einem feuerroten Gewand und schließlich, ganz unten, Maria Kleophanus und Maria Magdalena. Vor dem flachen, dunklen Hintergrund wirken die leuchtenden Figuren geradezu dreidimensional. Während sie Jesus noch stützen, schlagen sie ihn schon in ein weißes Leinentuch ein.

Della Segiola

Die „Madonna della Sedia“ – auch „della Segiola“ genannt – verdankt ihren Titel dem übereck gestellten Sessel, indem Maria mit dem Christuskind gezeigt wird. In die normalerweise im Original runde Bildform ist die Sitzgruppe mit dem jugendlichen Johannes dem Täufer meisterhaft eingefügt. Beeindruckend ist auch das madonnenhafte Antlitz von Maria.

Noli me tangere

Da diesem Gemälde kein Original zu Grunde liegt, kann das Bild mehr oder weniger frei interpretiert werden. Christus sagte diesen Satz am Ostermorgen zu Maria Magdalena, die zum Grab gekommen war und es leer fand. Sie informierte die Jünger davon, die sich auch selbst vom leeren Grab überzeugten und dann ihres Weges gingen. Maria Magdalena blieb allein zurück. Sie erblickte zwei Engel in weißen Gewändern. Während sie mit ihnen sprach und weinte, erschien ihr Christus als Gärtner. Der auferstandene Jesus sprach sie mit ihrem Namen „Maria“ an. Maria Magdalena war der erste Mensch, eine Frau, der Christus nach seiner Auferstehung erschienen ist. Eine Berührung durch Maria verweigerte Jesus mit: „Noli me Tangere!“ Sehr viele Details großer Meister fehlen auf dem Gnarrenburger Bildnis, z.B. die Nagelwunden, Spaten, Sonnenhut und der Blick auf Golgota mit den drei Kreuzen. So kann es sein, dass es sich bei der Person im langen, weißen Gewand nicht um Christus, sondern um einen der erschienenen Engel handeln könnte. Dieses Gemälde gibt uns also noch weitere Rätsel auf, ebenso, wie die 3 Gemälde überhaupt nach Gnarrenburg gelangten.